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Dez 01

Im Marineeinsatz vor Lybien

Ein Spitzenbeamter des Militärischen Immobilienmanagementzentrums, Hofrat Mag. Dietmar Hübsch, gestaltete am 25. November 2019 den Jour fixe der Vereinigung Österreichischer Peacekeeper im Café Nuovo in der Neustädter Fußgängerzone mit einem spannenden Vortrag über 105 Tage am Flaggschiff der EU. Die Bereichsleiterin Irene Valina freute sich über einen vollen Saal und begrüßte zum ersten Mal eine Delegation der BHAK für Führung und Sicherheit, von der Stadtregierung StR Philipp Gerstenmayer, GR Mag. Christian Filipp und GR Johann Machowetz sowie zahlreiche Peacekeeper wie Oberst iR Günter Bartunek, Oberst iR JosefErnst, Oberst Mag. Johann Pleninger, Oberst Mag. Gernot Pauschenwein und auch den Niederösterreichischen Landesleiter Oberstleutnant Manfred Sommer. Als „süßer“ Gast bekam Konditormeister Ronald Köller den Kristall der VÖP überreicht.

Mit den einleitenden Überblick „Die Europäische Union hat mit der Mission EUNAVFOR MED eine multinationale militärische Krisenbewältigungsoperation zur Bekämpfung des Menschenschmuggels und der Menschenhandelsnetze eingerichtet begann der Milizoffizier seinen Vortrag. Der Einsatzraum dieser Mission, auch bekannt unter dem Namen „Operation Sophia“, ist das südliche zentrale Mittelmeer zwischen der italienischen und der libyschen Küste. Der Generalsekretär der VÖP HR Mag. Dietmar Hübsch war ein Mitglied der Operation „Sophia“ und leitete das Führungsgrundgebiet Budget und Finanzen im internationalen Stab auf der „San Giusto“, einem italienischen Kriegsschiff mit 15,7 Knoten auf hoher See vor Lybien. Die Aufgaben der Operation sind vor allem ein Beitrag zur Zerstörung der illegalen Geschäftsmodelle Menschenschmuggel und Menschenhandel sowie ein Beitrag zur Umsetzung des Waffenembargos der Vereinten Nationen, aber auch eine Verbesserung der Möglichkeiten, um Informationen über Menschenhandel mit Mitgliedsländern, FRONTEX und EUROPOL zu teilen und ein wesentlicher Beitrag zur Rettung von Menschen in Seenot.

Der Vortragende veranschaulichte mit einer Karte das Einsatzgebiet der Mission EUNAVFOR MED zwischen der italienischen, libyschen und der griechischen Küste im Mittelmeer, „also die zentrale Mittelmeerroute, die eine wesentliche Migrationsroute von Afrika nach Europa darstellt“. Weiterhin zeigte er den Erfolg der Mission: von Juni 2015 bis Oktober 2017 wurden 491 Migrantenboote angehalten, 117 mutmaßliche Schmuggler aufgegriffen und festgenommen, 272 Seenotrettungseinsätze durchgeführt, bei denen 40.788 Migranten aus Seenot gerettet werden konnten sowie 956 Maßnahmen gegen Waffenschmuggel gesetzt.

Nach den Fakten schilderte Hübsch seine persönliche Eindrücke: „Das Leben an Bord des Flaggschiffes war ein Bunkerdienst, das heißt der Arbeits- und der Schlafbereich waren ohne Fenster, dazu kam noch die laute Belüftung und der Lärm der Schiffsmotoren. Nicht verschweigen will ich den Umstand des Wellenganges, der rollenden Schiffsbewegungen und der damit verbundenen Voraussetzung, ‚seefest‘ zu sein!“

Die Arbeit war interessant, „mir oblagen die Budget- und Finanzangelegenheiten. Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Fachbereiche mit 15 Nationen funktionierte überraschend gut“. „Meine Absicht war es, einen Beitrag zur Bewältigung der illegalen Migration nach Europa zu leisten, Erfahrungen in einem internationalen Stab zu sammeln und ein „Abenteuer“ zu erleben“, schildert er seine Motivation. Die Rettung aus Seenot blieb dem Vortragenden sehr in Erinnerung. Diese Verpflichtung leitet sich aus einer Konvention der Vereinten Nationen über den Schutz des menschlichen Lebens auf See ab: „Nach dem Auftrag zur Rettungsaktion wurde auf dem Schiff Alarm ausgelöst. Während das Flaggschiff mit hoher Geschwindigkeit die angegebenen Koordinaten ansteuerte, setzte die Schiffscrew umfangreiche Vorbereitungsmaßnahmen um, die bereits im Vorfeld trainiert worden waren: Aufbau zusätzlicher Scheinwerfer, Prüfung oder Aktivierung von Schwimmwesten, chemischen Toiletten, Beibooten, Hebeeinrichtungen etc. bis hin zur Zubereitung von Essen, Beistellung von Getränken, Decken, Bekleidung und auch Spielzeug. Bei den Zielkoordinaten knapp außerhalb der nationalen Gewässer Libyens angekommen, wurden Beiboote zu Wasser gelassen und Schwimmwesten den Migranten gebracht. Waren es zu Beginn der Mission noch überwiegend seefeste Holzschiffe, so verwendeten die Schlepper in der Folge billige und nicht hochseetaugliche Schlauchboote für etwa 250 Personen. Nach dieser Erstversorgung und Lagebeurteilung vor Ort wurden kleine Gruppen der Migranten mit den Beibooten zum Flaggschiff gebracht, wo sie die Rettungswesten ablegten und persönliche Gegenstände wie Mobiltelefone und Handgepäck abgaben. Danach wurden sie nach Geschlechtern getrennt und einer Sicherheitsüberprüfung zugeführt. In den weiteren Stationen wurden Decken, Bekleidung, Wasser und Caritas-Pakete verteilt bzw. medizinische Erstmaßnahmen gesetzt. Insgesamt nahm das Flaggschiff 406 Migranten von vier Booten auf und nahm dann Kurs Richtung Norden, da der kürzere Weg zurück nach Afrika rechtlich nicht möglich war. Am Morgen des dritten Tages wurden die Migranten den italienischen Behörden auf Sizilien übergeben. Der dafür zu nutzende Hafen wurde durch das italienische Innenministerium nach Beurteilung der lokalen Kapazitäten und Spezifikationen der Liegeplätze festgelegt. Aufgrund der besonderen Belastung der Schiffscrew für die Bewachung und Versorgung der Mitreisenden, meldete ich mich freiwillig zur Unterstützung und reihte mich bei der Essensausgabe in die Gruppe der Matrosen ein. Dabei hatte ich eine Schutzausrüstung, bestehend aus einem Overall, Handschuhen und einem Mundschutz zu tragen, da ein hohes Ansteckungsrisiko bestand. Beginnend mit dem Abendessen bis zum Frühstück des dritten Tages, kam ich den Migranten sehr nahe und konnte für mich überraschende Beobachtungen machen: Es handelte sich nicht um unterernährte und verletzte Personen, wie ich sie aufgrund der Medienberichterstattung über Kriegsflüchtlinge kannte und erwartete, sondern um durchaus wohlgenährte Menschen!!“

An diesem Abend wurde nach dem spannenden Vortrag noch lange diskutiert und alle freuen sich bereits auf die nächsten Jours fixes im nächsten Jahr.

Bericht und Fotos: Mag. Serge Claus, Oberstudienrat

 

 

 

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